Dienstag, 17. Februar 2015 - INTERVIEW

Thema DünenhofTagung "Sehnsucht nach Aufbruch - Apostelgeschichte heute"

Interview mit Floyd McClung

Floyd Mc Clung

"Die allerneuste Offenbarung über die höchste Form der Anbetung macht euch nicht geistlicher, so etwas macht euch zu egoistischen Konsumerchristen. Was euch wirklich geistlich macht, ist euer Umgang miteinander in der Woche. Es gibt eine Heiligkeit in eurem ganz normalen Leben."

Floyd McClung: Viele kennen ihn, weil er den Bestseller „Das Vaterherz Gottes“ geschrieben hat. Floyd McClung war lange bei der Organisation „Jugend mit einer Mission“, lebte im Rotlichtviertel in Amsterdam, war dann kurzeitig Pastor einer Megagemeinde in Kansas City, bevor er mit seiner Frau Sally nach Südafrika ging, um dort Gemeindegründer zu trainieren, mit dem Ziel Gemeindegründungsbewegungen zu initiieren.

Wie hast du selbst angefangen, einfache Gemeinde zu leben?

In Afghanistan haben wir 1970 eine Gemeinschaft gestartet, als wir uns um junge Leute und ihre Herzen kümmerten, die durch Afghanistan reisten. Wir hielten uns einerseits zu einer normalen Gemeinde, die fast nur sonntags statt fand und andererseits hatten wir da diese Gemeinschaft von langhaarigen Aussteigern. Zwei Gemeindemodelle trafen aufeinander. Mir wurde klar, dass beide ihren Platz haben. Aber ich erkannte auch den Wert dieser Gemeinschaft, die aus Jüngerschaft entstanden war. Wenn eine von beiden das Herz von Gemeinde verkörpert, dann würde ich sagen, es war diese Gemeinschaft. Im Herzen ist Kirche eine Gemeinschaft von Menschen, die Jesus folgen und sich einklinken wollen, wenn er das Leben von Menschen berührt. Als ich dann später in Amsterdam für „Jugend mit einer Mission“ arbeitete, hieß es: Geh sonntags zur Gemeinde, denn als Organisation unterstützen wir Gemeinde, gründen aber selbst keine, wir laufen parallel. Um ein treuer Leiter zu sein, musste ich Sonntagmorgens also jeden zum Aufstehen bewegen und in den Gottesdienst treiben. Aber gleichzeitig lehrte ich,erlebte es und wir alle glaubten daran, dass wir selbst Gemeinde waren. Die ganze Woche waren wir Gemeinde, aber sonntags gaben wir vor, wir seien es nicht. Daraus entstand eine ziemliche Spannung. Letztlich ist das ein Grund, warum ich „Jugend mit einer Mission“ verlassen habe.

Du sprichst oft von ganzheitlichem statt einem dualistischen Lebensstil?

Unsere Grundannahme ist, dass wir einen König haben und dieser König sein Königreich präsentiert. Er lädt uns ein, uns ihm anzuschließen, wenn er sich in die Welt aufmacht. Seine Welt besteht aus verschiedenen Bereichen: Er hat uns in eine Familie gestellt, wir sollen eine Beziehung zu unserer Umwelt haben, er hat uns mit einem Sinn für Humor und Abenteuer geschaffen, er hat uns so angelegt, dass wir Güter tauschen und uns selbst organisieren. Daraus schließen wir: Der König hat an allem Interesse, was er geschaffen hat. Er will in allen Bereichen beachtet werden. In einem ganzheitlichen Leben sehe ich nicht, dass der König einen Bereich heilig und den anderen unheilig gemacht hat. Wenn ich also in der Finanzwelt arbeite, ist das eine geistliche Handlung. Wenn ich mich künstlerisch betätige oder abenteuerlich – bei allem geht es darum, für den König zu leben. Ich esse Pizza zu Gottes Ehre, spiele Basketball mit geistlicher Leidenschaft…

Spielst du in Centerposition – bei deiner Größe?

(lacht) Na jedenfalls gewinne ich am liebsten! Was ich sagen wollte: Es ist schön, befreit zu sein. Und nicht mit der Spannung zu leben: Oh nein, heute bin ich gar nicht geistlich – weil ich nicht in der Gemeinde oder auf den Knien war.

Glaubst du, bestehende Gemeinden können sich zu solchen einfachen, missionalen Gemeinden verändern?

Ich glaube, Gott hat Himmel und Erde erschaffen, also kann er alles. Aber es ist, wie Wasser zu Wein zu machen: ein Wunder. Wir sind in die Gemeinde „Metro Christian Fellowship“ nach Kansas City gegangen und sollten genau das tun. Ich wusste, dass es riskant war. Ich bin immer Idealist und immer Optimist. Ich habe mit offenen Karten gespielt. Und sie sagten: Wir glauben an Zellgruppen und Hauskirchen. Sie veranstalteten aber gleichzeitig jährlich acht bis zwölf riesige Konferenzen in der Gemeinde — also beides sehr gegenläufig. Ich sagte ihnen: Wir werden alle Konferenzen einstellen, vorne wird niemand mehr in Brautkleidern tanzen und wir werden mit all dem albernen Unsinn aufhören und stattdessen wird es in unserer Spiritualität darum gehen, täglich Zeit mit Gott zu verbringen, echte Gemeinschaft mit anderen Christen zu leben, in der wir unser Leben teilen. Und dann gehen wir raus und teilen unseren Glauben mit anderen. Dann geht es nicht mehr darum, darauf zu warten, dass ein großer Prophet mir meine Telefonnummer weissagt. Nun gut – ich war dann schließlich der Typ, der eine Megakirche in eine kleine Gemeinde verwandelte … (Lacht)

Die Leute wollten ihre Gemeinde nicht in eine einfache Gemeinde verändern lassen?

Es gab sieben- oder achthundert Leute, die ihr Herz öffneten und sich mitreißen ließen. Ich sagte immer wieder: Die allerneuste Offenbarung über die höchste Form der Anbetung macht euch nicht geistlicher, so etwas macht euch zu egoistischen Konsumerchristen (s.o)?. Was euch wirklich geistlich macht, ist euer Umgang miteinander in der Woche. Es gibt eine Heiligkeit in eurem ganz normalen Leben. Wenn du Schreiner bist, lebst du ein heiliges Leben und das ist dein heiliger Beitrag. Dann bist du ein Diener für Gott. Diese Leute verstanden das und es bestätigte sich für sie und es passte zu dem, wie Gott in ihnen wirkte. Aber alle anderen glaubten nicht, dass das geistlich war. Sie meinten: Du musst für die Endzeit beten, du brauchst prophetische Eindrücke. Sie waren wütend und enttäuscht. Viele waren auf meinen Vorgänger Mike Bickle wütend, der die Gemeinde gestartet hatte und jetzt das „International House of Prayer“ gründete, weil er nicht ihr bester Freund war. Sie waren sauer auf mich, weil ich alles änderte und weil ich ungeistlich war, angeblich Angst vor prophetischen Eindrücken hatte – und sie liefen in Scharen davon. Wir haben geholfen, dass etliche andere Gemeinden in Kansas City großes Gemeindewachstum erlebten … (Lacht). Als ich kam, waren es 1.800 Leute und davon blieben zwei- bis dreihundert. Also gab es zwei- bis dreihundert Leute, die entweder noch nicht sauer genug waren um zu gehen oder die glaubten, dies sei die Kirche der Endzeit und sie dürften Floyd nicht kampflos ihre Gemeinde überlassen. Daneben gab es allerdings viele neue Leute, die sagten: Ja, das ist cool, okay, lass uns das ausprobieren. Ich trat dann einen Schritt zurück: Entweder Gott klärt das oder etwas wird passieren. Dann hatte einer der Pastoren einen prophetischen Eindruck, dass ich nicht mehr der Richtige wäre, dass ich den Segen Gottes zurückhielt. Er sagte mir, dass er damit vor die Gemeinde geht. Ich sagte: Okay, ich werde dich nicht aufhalten.

Du hast mal gesagt: Du liebst die Gemeinde, du hasst Religion und es braucht drei Jahre mit einem Mentor um Religion zu verlassen …

Institutionalisiertes Christsein schafft eine ungesunde Abhängigkeit: Ich finde meine Identität, meine Bedeutsamkeit, meine Geborgenheit in Systemen, in Beziehungen, in Mitarbeiterschaft, die mir zeigen, dass ich wichtig bin. Ich vergleiche das immer mit einer Beatmungsmaschine auf der Intensivstation: Ich liege da und ich fühle mich gut, weil ich lebe und Hoffnung habe. Aber ich bin auch halb bewusstlos und kriege nicht mit, dass ein Haufen Schläuche und Maschinen mich am Leben erhalten. Und dann kommt jemand und zieht den Stecker und sagt: Steh auf, werde ein echter Mensch und höre auf, von Jugendgruppen und Hauskreisen abhängig zu sein. In meinem ersten Jahr bei Metro kam eine Freundin, eine Psychologin, zu Besuch. Sie sagte: Du wirst viele Menschen verärgern. Ich sagte: Warum? Ich bin ein netter Kerl, ich will niemanden verärgern, ich will nur, dass Leute Jesus gehorchen. Sie sagte: Du wirst ihnen alles nehmen, was sie glauben und worauf sie vertrauen. Du stellst ihre Sicherheiten, ihre Spiritualität, ihr Wertverständnis in Frage. Das meinte ich, mit meiner Bemerkung: Es dauert lange, damit Leute ihre Beatmungsmaschine verlassen. Und sie brauchen andere, die ihnen sagen: Steh auf, du kannst das. Du brauchst die Maschine nicht, du brauchst kein Mitarbeitertreffen am Sonntag, du brauchst keine Frauengebetsgruppe. Ich bin jetzt schon lange auf dem anderen Weg, aber immer mal, wenn ich Sonntagmorgens frei habe lauert auch bei mir das Schuldgefühl: Ich bin nicht im Gottesdienst. Von daher glaube ich, dass es eine ganze Zeit dauert, bis man frei von dem System ist.

Du hast mal gesagt, man braucht fünfzig bis hundert Beziehungen, um fünf bis zehn Jünger zu haben. Wie würdest du dann Beziehung definieren?

Zuerst mal: Damit will ich provozieren. Die meisten Christen kennen fünfzig bis hundert andere Christen mit Namen. Ich sage: Lass uns das umdrehen. Lass uns das reduzieren und fünf bis zehn, 15 oder zwanzig Jesusnachfolger in unserem Leben haben und lass fünfzig bis 75 oder hundert Nichtchristen in dein Leben. Klar, von denen können wir nur mit einer Handvoll tiefgehende Beziehungen führen. Lass uns glauben, dass Gott uns ein paar gibt, die er für uns aussucht und uns für sie und dass sie eine lebendige Beziehung mit Jesus beginnen. Oder dass sie sich durch unseren Einfluss in ihrem Leben auf die Suche begeben. Wie wir sie finden? Wir gehen raus und lernen sie kennen! Wir müssen in Bars und Fußballvereine gehen. Wir müssen unsere Nachbarn kennen lernen. Bei uns Christen hapert es derzeit an genau solchen Beziehungen! Das große Dilemma ist für mich die Frage: Wenn jemand Jesus nicht in seinem Leben will, schließe ich ihn aus meinem Leben aus oder liebe ich ihn weiter — während ich gleichzeitig nach Leuten suche, die offener sind und in deren Leben ich wirklich was bewegen kann? Das ist hart.

Nichtchristen würden fragen: Bist du an mir interessiert oder bist du nur daran interessiert, dass ich Christ werde? Wärst du immer noch ein enger Freund, wenn ich mich nicht in Richtung Christus bewege?

Das ist eine gute Frage, denn ich glaube, Integrität steht auf dem Spiel, wenn Menschen bloß Mittel zum Zweck sind. Aber gleichzeitig müssen wir mit unseren Freunden transparent sein. Europäer sind da sehr zurückhaltend. Sie glauben, Religion ist Privatsache. Sobald man also Jesus aufbringt, hört man allen möglichen Kram, dass man sie nicht bedrängen soll. Aber dann muss ich fragen: Sind das echte Freunde, wenn wir nicht über das reden dürfen, was wir glauben, sie aber über alles reden können, das ihnen in den Sinn kommt? Kann Freundschaft bedeuten, dass sie lautstark über George Bush lamentieren, aber ich nicht lautstark über Jesus reden darf? Ich habe schon zu Leuten gesagt: Wenn du über alles reden darfst, ich aber nicht, dann ist deine Freundschaft an Bedingungen geknüpft, gleichzeitig verlangst du von mir aber bedingungslose Annahme. Lass uns überlegen: Kann ich genauso offen mit Dingen sein, die mich begeistern, ohne sie dir aufzuzwängen? Sondern leidenschaftlich und dabei transparent sein und du bist transparent und wir versuchen das zusammen hinzukriegen? Oder würgst du mich jedes Mal ab, wenn ich über etwas rede, was mir wirklich am Herzen liegt? Ein Mädchen in Afghanistan sagte mal zu mir: Immer redest du über Jesus. Ich sagte: Nein, das stimmt nicht. Ich erzähle dir, was ich über Politik denke, wir reden über Sport und Literatur. Aber ja, ich rede auch über Jesus, weil er mir wirklich wichtig ist. Du willst über alles reden können, was du glaubst, aber du willst nicht, dass ich über Jesus rede. Habe ich dich angepredigt, habe ich versucht dich zu bekehren? Nein! Warum willst du dann nur eine Freundschaft mit mir, wenn ich nicht über Jesus rede? Wir diskutierten das durch und sie sagte: Du hast recht. Aber es macht mich nervös und es ist mir unangenehm. Und ich sagte: Ich versuche sensibel zu sein, aber bitte lass mich ehrlich sein. Ich hatte eine geniale Gebetszeit mit Jesus und du bist eine echte Freundin — also will ich dir davon erzählen. Das bedeutet nicht, dass ich dir eine Predigt halte, es bedeutet einfach, dass ich begeistert davon bin.

Würdest du sagen, dass es dran sein kann, den Staub von den Füßen zu schütteln und weiterzugehen?

Ich halte es so, dass ich echte Freundschaften mit Leuten, die Jesus nicht kennen, weiterführe. Aber ich brenne sehr darauf, Beziehungen mit Leuten anzufangen, die mehr wissen wollen, die geistlich hungrig sind. Und weil ich nur eine begrenzte Zahl von Beziehungen leben kann, muss ich für sie Platz in meinem Leben einräumen. Und für die, die nicht mehr wissen wollen, bleibe ich ein Freund, aber ich muss diesen Kreis begrenzen. In Afghanistan habe ich gelernt: Zu manchen muss ich Nein sagen. Ich sage ihnen das nicht wörtlich, aber ich habe einfach festgestellt, dass ich nicht alle Freundschaften führen kann und gleichzeitig Zeit zu haben, Leute zu Jüngern zu machen.

Du hast große Gemeinden und Hauskirchen mal mit einer Wasserflasche und einem Plastikbecher verglichen. Nicht der Behälter ist wichtig, sondern dass gutes Wasser drin ist.

Viele Hauskirchen sind wütend auf andere. Sie leben reaktionär oder meinen, sie sind auf den nächsten großen Trend des Christseins aufgesprungen. Und ich glaube, das ist dreckiges Wasser. Mein Punkt ist: Du kannst in einer normalen Gemeinde sein und wenn du leidenschaftlich für Gott lebst und leidenschaftlich Menschen zu Jüngern machen willst und die Welt veränderst – dann los. Die Werte stimmen. Ich kenne auf der ganzen Welt Anglikaner, die großartige Sachen machen. Ich kenne viele Leute in der Hauskirchenbewegung, die ziemlichen Müll machen. Auf den Inhalt kommt es an. Ich persönlich glaube, der beste Behälter für die Werte ist das Modell einer einfachen Gemeinde. Es passt am besten. Aber ich glaube auch, dass es in einer Institution klappen kann.

David Schaefer / Juergen KramerDas Interview führte David Schäfer (Bild links) anlässlich des DünenhofFestivals 2011.
David ist zusammen mit Jürgen Kramer (rechts im Bild) als Co.-Referent bei der DünenhofTagung mit Floyd McClung "Sehnsucht nach Aufbruch - Apostelgeschichte heute" 

 

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